Einstecktuch falten: Wie faltet man ein Einstecktuch?
von Andreas Thenhaus
Einstecktuch-Regeln
Uns liegt es fern hier Vorschriften zu machen - sind doch Regeln da, um gebrochen zu werden. Zumindest ist das in der Regel so. Dennoch haben wir unsere Grafikerin gebeten uns sieben Arten ein Einstecktuch zu falten zu illustrieren. Hier also unser bescheidenes Tutorial, unsere Gebrauchsanweisung für Einstecktücher.

Ob Sie eine Boutonnière zum Einstecktuch tragen ist Geschmacksache. Faustregel: Dezentes Einstecktuch und nach Aufmerksamkeit schreiende Boutonnière oder umgekehrt. Lassen Sie beides nicht in Konkurrenz treten. Oder komponieren Sie harmonisch wie hier im Bild.
Um nun auch gleich die erste Regel zu brechen: Wir nehmen unser Einstecktuch am liebsten in der Mitte hoch, knicken es in der Mitte und wurschteln es mehr oder weniger wild in die Brusttasche. Je nach Tagesform und Laune. So wie im Bild oben. Doch wir können auch anders:
1. Das Segelschiff

Das Segelschiff ist eine sehr klassische und wohlsortierte Art das Einstecktuch zu tragen.
Ganz akkurat geht es bei dieser Faltung zur Sache. Es ist ganz einfach und sieht adrett aus. Diese Variante ist keineswegs nur Kapitänen zur See vorbehalten. Versuchen Sie es!

Das zuvor erwähnte "Segelschiff" locker interpretiert mit seidener Hecken-Rose als Boutonnière.
2. Das klassische Dreieck

Halbieren, einmal hin und einmal her - fertig ist die Faltung. Das geht ganz einfach.
Hier ist nichts hinzuzufügen. Die Zeichnung spricht für sich und das Ergebnis ebenso. Besonders geeignet bei kleinen Brusttaschen wie bei Anzügen im Stil der 1960er Jahre oft der Fall.
3. Das einfache Rechteck
Schlichter geht es nicht.
Zu Frack und Smoking ist diese Variante sehr wirkungsvoll mit einem weißen Einstecktuch. Besonders schön mit handrolliertem farblich abgesetztem Saum. Beim gemusterten Anzug verschwindet es geradezu im Muster und scheint nahezu unsichtbar. Aber das muss nicht sein:

Wenn man die o.g. schlichte Variante etwas herauszieht funktioniert es auch mit dem gemusterten Anzug. Hier in dezenter Eintracht mit Boutonnière "Butterblume".
4. Die zwei Eisberge
Ein zeitloser Klassiker für Freunde der Asymmetrie.
Sie sehen: Die Möglichkeiten unbegrenzt von Schiffen bis zu Eisbergen ist alles möglich. Doch auch an Land ist das Einstecktuch durchaus "heimisch". Seien Sie mutig und experimentieren Sie.
5. Das Sandwich-Doppel
Das gemischte Doppel unter den Einstecktüchern
Bitte beachten Sie hierbei, dass zwei farblich kontrastierende Einstecktücher benötigt werden. Nur dünnes Material und kleinere Formate verwenden, da die ganze Sache ansonsten zu voluminös in der Brusttasche wird und diese sich wölbt. Besonders bei größeren Brusttaschen zu empfehlen.
6. Die Doppelspitze
Das sieht deutlich komplizierter aus, als es ist.
Die Doppelspitze sollte man nicht so akkurat anwenden, sondern eher intuitiv falten. Das sieht im Ergebnis natürlich und leger aus. Zu empfehlen bei grafisch gemusterten Einstecktüchern - bei floralen Motiven ist der Effekt weniger stark.
So kann die Doppelspitze aussehen, wenn sie etwas heraus- und zurechtgezogen wird.
7. Die Dreifach-Krone
Hier die Krönung unserer kleinen Auswahl an Möglichkeiten. Versuchen Sie es ruhig einmal.
Kann man machen - aber irgendwie wuscheln wir unsere Einstecktücher stets recht planlos in die Brusttasche. Sie erinnern sich? Es gibt gar keine Regel.
Einstecktuch falten: die wichtigsten Techniken Schritt für Schritt
Die Illustrationen oben zeigen den Weg - hier folgen die vier meistgefragten Faltungen noch einmal als Schrittfolge zum Nachlesen. Legen Sie das Einstecktuch dafür auf eine glatte Unterlage; bei Seide hilft eine ruhige Hand, bei Leinen verzeiht der Stoff jeden Griff.
Die gerade Kante (Presidential) falten
- Das Tuch flach ausbreiten und einmal zur Hälfte falten, sodass ein Rechteck entsteht.
- Erneut falten, bis die Breite etwa der Brusttasche entspricht.
- Von unten so weit einschlagen, dass oben ein gerader Streifen von ein bis zwei Zentimetern über die Tasche hinausragen wird.
- Einstecken und die Kante parallel zur Tasche ausrichten. Fertig ist die formellste aller Faltungen.
Die eine Spitze (das klassische Dreieck) falten
- Das Tuch als Quadrat ausbreiten und diagonal zum Dreieck falten.
- Die beiden seitlichen Ecken nach innen einschlagen, sodass ein schmaler Turm mit Spitze entsteht.
- Mit der Spitze nach oben einstecken - sie darf zwei bis drei Zentimeter herausschauen.
Die zwei Spitzen falten
- Das Tuch diagonal falten, dabei die obere Ecke leicht versetzt neben die untere legen - so entstehen zwei nebeneinanderliegende Spitzen.
- Die Seiten wie beim Dreieck einschlagen.
- Einstecken und die Spitzen leicht auffächern. Wirkt lebendiger als die strenge Einzelspitze.
Den Puff falten
- Das Tuch mittig greifen und anheben, sodass es wie ein kleines Gespenst herabhängt.
- Mit der freien Hand locker unterhalb der Mitte umfassen und die Enden nach unten streichen.
- Die Enden einschlagen und das Tuch mit der weichen Wölbung nach oben einstecken. Nicht glattstreichen - der Puff lebt vom Volumen.
Die Krone falten
- Das Tuch wie beim Puff mittig greifen und anheben.
- Statt der Enden nach unten: Das Tuch auf halber Höhe umfassen und die herabhängenden Zipfel fächerartig nach oben neben die Mitte legen - es entstehen mehrere Spitzen nebeneinander.
- Den unteren Teil einschlagen und das Gebilde vorsichtig einstecken, die Spitzen leicht auseinanderzupfen.
Die Krone ist die barockste unserer sieben Faltungen - sie braucht ein größeres Tuch mit Stand und eine Brusttasche, die nicht zu knapp geschnitten ist.
Die richtige Größe des Einstecktuchs
Die Faltung gelingt nur mit dem passenden Format. Seidentücher messen klassisch etwa 30 mal 30 bis 33 mal 33 Zentimeter - groß genug für Puff und Spitzen, dünn genug, um die Brusttasche nicht zu wölben. Leinen und Baumwolle dürfen mit 40 mal 40 Zentimetern größer ausfallen, da sie sich flacher falten. Zu kleine Tücher rutschen im Laufe des Tages in die Tasche hinab - wer das kennt, greift zum größeren Format oder legt das Tuch über einen schmalen Kartonstreifen, den alten Trick der Herrenausstatter verrät hier freilich niemand. Zu große Tücher aus dickem Stoff wiederum beulen die Tasche; das Sakko dankt für Zurückhaltung.
Einstecktuch und Taschentuch: zwei Ämter
Eine Klarstellung, die uns am Herzen liegt: Das Einstecktuch in der Brusttasche ist ein Schmuckstück und bleibt es auch - geschnäuzt wird in das Taschentuch aus der Hosentasche. Der vollendete Herr trägt darum beide: das schmückende Tuch oben, das dienende unten. Schön ist, dass unsere Stofftaschentücher mit Atlaskante beide Ämter beherrschen - als schlichtes weißes Einstecktuch mit gerader Kante machen sie ebenso Figur wie im ehrlichen Dienst. Nur eben nie beides am selben Tag.
Welche Faltung zu welchem Anlass?
Regeln gibt es, Sie ahnen es, keine - wohl aber Erfahrungswerte:
- Business: die gerade Kante in Weiß aus Baumwolle oder Leinen. Unaufgeregt, präzise, immer richtig zum Anzug.
- Hochzeit und Festliches: eine Spitze oder Puff aus Seide, farblich auf Krawatte oder Fliege abgestimmt - abgestimmt heißt harmonierend, nicht identisch.
- Frack und Smoking: das schlichte weiße Rechteck, gern mit handrolliertem Saum. Hier ist Zurückhaltung die höchste Eleganz.
- Casual: Puff oder die eingangs beschriebene, bewusst planlose Methode - zum Sakko ohne Krawatte, zum Tweed, zum Sommerleinen.
Einstecktuch modern falten
Wer heute vom modernen Einstecktuch spricht, meint meist den Abschied von der Strenge: Der akkurat vermessene Turm weicht dem lässig gegriffenen Puff, die Kante darf schief sitzen, das Tuch darf leben. Unsere Methode der Wahl haben wir oben beschrieben - mittig greifen, falten, wurschteln. Das Ergebnis wirkt wie nebenbei geschehen und ist doch eine bewusste Entscheidung. Zwei Hinweise, damit modern nicht nachlässig wird: Erstens braucht die lockere Faltung ein Tuch mit Charakter - handrollierte Seide oder umhäkeltes Leinen fallen schöner als glatte Ware. Zweitens gehört auch zum modernen Einstecktuch die aufgeräumte Brusttasche: ein Tuch, sonst nichts.
Das Einstecktuch zum Anzug
Zum Anzug ist das Einstecktuch der kleinste Aufwand mit der größten Wirkung - kaum ein Accessoire verwandelt einen grauen Anzug so beiläufig. Für die Farbwahl gilt: Das Tuch nimmt einen Ton aus dem Umfeld auf - aus der Krawatte, dem Hemd, dem Muster des Sakkos - ohne ihn zu kopieren. Das fertig abgestimmte Set aus Krawatte und identischem Einstecktuch überlassen wir gern anderen. Zum dunkelblauen Anzug mit weißem Hemd genügt schon das weiße Tuch mit gerader Kante; mutiger wird es mit Bordeaux oder einem Paisley aus Seide. Wer ohne Krawatte trägt, gewinnt mit dem Einstecktuch den Halt zurück, den das offene Hemd dem Ensemble nimmt. Eine Auswahl für jeden Anzug finden Sie in unserem Einstecktuch-Onlineshop.
Fünf Kombinationen, die immer funktionieren
- Dunkelblauer Anzug, weißes Hemd: weißes Leinentuch, gerade Kante. Die Uniform des guten Geschmacks - im Zweifel immer richtig.
- Grauer Flanellanzug, hellblaues Hemd: bordeauxfarbene Seide als Puff. Der warme Ton belebt das kühle Grau.
- Brauner Tweed, kariertes Hemd: Wolltuch in Rostrot oder Senfgelb, lässig gefaltet - Landpartie in Vollendung.
- Smoking: weiße Baumwolle oder weißes Leinen, gerade Kante, handrollierter Saum. Keine Experimente bei Black Tie.
- Sakko ohne Krawatte: gemusterte Seide mit einer Spitze oder als Puff - das Tuch übernimmt die Rolle, die sonst die Krawatte spielt, und darf entsprechend auftreten.
Das Einstecktuch auf Reisen
Kein Accessoire reist so gut: Drei gefaltete Tücher wiegen nichts, brauchen keinen Platz und verwandeln denselben Anzug an drei Abenden in drei Auftritte - die halbe Garderobe im Kulturbeutelformat. Gefaltet werden sie erst am Zielort; für den Transport liegen sie flach im Koffer, gern zwischen zwei Hemden. Und sollte das Bügeleisen im Hotel fehlen: Leinen und Baumwolle hängen im Dampf der heißen Dusche in Minuten glatt - ein Trick, der übrigens auch dem zerknitterten Hemdkragen hilft.
Pflege: So bleibt das Einstecktuch in Form
Seidentücher werden lauwarm von Hand gewaschen oder in die Reinigung gegeben und von links mit mäßiger Hitze gebügelt - der handrollierte Saum wird dabei ausgespart, er soll seine runde Form behalten und niemals plattgebügelt werden. Leinen und Baumwolle vertragen die Maschine bei 40 Grad und heißes Bügeln; gerade Leinen gewinnt frisch gebügelt seine präzisen Kanten zurück. Gelagert werden die Tücher flach oder locker gefaltet - wer sie zerknüllt in der Sakkotasche überwintern lässt, findet im Frühjahr ein Relikt vor. Und sollte einmal ein Tropfen Rotwein das weiße Tuch treffen: sofort mit Wasser ausspülen, nicht reiben. Danach hat das Tuch eine Geschichte - auch das hat seinen Wert.
Ein kleines Stück Geschichte
Das Einstecktuch ist älter als der Anzug, den es schmückt: Schon zur Biedermeierzeit zierten bunte Tücher die Brusttaschen von Gehrock und Redingote, während der Frack - damals ohne Brusttasche - sich mit der Nelke im Knopfloch begnügen musste. Seine Hochzeit erlebte das Tuch in den 1930er bis 1960er Jahren, als kein wohlangezogener Herr ohne aus dem Haus ging: Fred Astaire trug es beiläufig, Cary Grant präzise, und die Herrenjournale stritten über Faltungen wie heute über Sneaker. Dass es zwischenzeitlich fast verschwand, macht es heute nur wertvoller - ein gefaltetes Tuch in der Brusttasche ist ein kleines Bekenntnis zur Sorgfalt, das keine zwei Euro Aufwand am Morgen kostet und den ganzen Tag arbeitet.
Einstecktuch ohne Sakko?
Die Brusttasche ist die Voraussetzung - aber sie findet sich nicht nur am Sakko. Die Weste mit Brusttasche trägt das Tuch ebenso (sparsamer gefaltet, die Tasche ist kleiner), der Mantel im Winter sowieso: Ein Wolltuch in der Brusttasche des Mantels ist einer der unterschätztesten Handgriffe der kalten Jahreszeit. Auch das Overshirt und die Strickjacke mit aufgesetzter Brusttasche vertragen ein lässig gestecktes Tuch - hier gilt: je legerer das Kleidungsstück, desto beiläufiger die Faltung. Nur in die Hemdbrusttasche gehört kein Einstecktuch; dort wirkte es stets wie ein verirrter Kugelschreiber.
Häufige Fragen zum Einstecktuch falten
Wie faltet man ein Einstecktuch am einfachsten?
Mit der geraden Kante: zweimal zum Rechteck falten, einschlagen, einstecken. Sie ist in dreißig Sekunden gefaltet und zu jedem Anlass korrekt. Noch schneller ist nur der lockere Griff in die Mitte - der Puff.
Wie viel darf vom Einstecktuch herausschauen?
Bei der geraden Kante ein bis zwei Zentimeter, bei Spitzen und Puff dürfen es drei bis vier sein. Das Tuch soll die Brusttasche schmücken, nicht aus ihr herausquellen - und es soll nicht in der Tasche versinken.
Müssen Einstecktuch und Krawatte farblich passen?
Sie sollen harmonieren, nicht übereinstimmen. Ein gemeinsamer Farbton in unterschiedlicher Intensität wirkt souverän; das identische Stoffpaar wirkt wie gekauft - was es dann ja auch ist.
Welches Material eignet sich für welche Faltung?
Baumwolle und Leinen halten Kanten und Spitzen präzise - ideal für die formellen Faltungen. Seide fällt weich und glänzt - ideal für Puff und lässige Varianten. Ein Wollflanell-Tuch im Winter darf beides.
Text: Andreas Thenhaus
Grafik: Nina Spagnol
Fotos: Tobin Gattinger, Joost Bom, Jakob Karlsson, Benjamin Kalt